Was heisst innere Arbeit?

Ich bin fünf. Es ist Herbst, schummriges Licht, Abendessen. Meine Eltern erzählen mir, dass sie sich überlegt haben, an einem Hilfsprojekt für Afrika teilzunehmen. Sie würden dann irgendwo in Afrika arbeiten für eine gewisse Zeit. Ich, als Fünfjährige, müsse dann ins Heim, und mein Bruder, der noch ein Säugling ist, kann mit. 

Autsch. 

Viele Jahre hatte ich überhaupt nicht mehr daran gedacht, hatte den inneren Terror verdrängt und tief in mir vergraben. Das war eine der ersten Erinnerungen die hochkamen als ich anfing mit einem Therapeuten zu arbeiten. Auch als über Vierzigjährige spürte ich noch die Angst und Hilflosigkeit meiner Kleinkindversion. Rettung gab es damals nicht .

Am Ende kam es nie zu diesem Auslandseinsatz meiner Eltern.

Warum ich das schreibe? Wenn ich mit Menschen arbeite, dann geht es um nicht verarbeitete und zu Ende gefühlte Erlebnisse aus der Kindheit. Ausnahmslos alle tanzen da drumherum und haben Scheu noch mal reinzufühlen, den alten Schmerz zu berühren. Wir stellen uns das meist viel spektakulärer vor als es ist. Tatsächlich geht es um viele viele mal kleinere und mal grössere Eindrücke, die nicht richtig verheilte Narben in uns zurückgelassen haben. Heilung geschieht durch Fühlen.

Wir versuchen alles, was geht, um damit nicht in Berührung zu kommen. Lieber meditieren wir bis zum Verlust des Körpergefühls oder analysieren unser Handeln zu Tode. Alles nur nicht fühlen. Fühlen heisst Schmerz – glauben wir.

Wir fürchten, das wir uns im Schmerz verlieren, daran zerbrechen und nicht wieder aufstehen. Und wer fügt sich schon freiwillig Schmerz zu?

Um nicht zu fühlen verdängen wir, belügen uns, werden taub oder in irgendeiner Form süchtig. 

Solange du keinen Frieden mit deinen Erlebnissen von früher machst, diktieren sie dein Leben im Hier und Jetzt. Sie haben dich geformt und dir eine Brille aufgezwungen, durch die du die Welt siehst und bewertest. Gut-Böse. Liebe-Angst. Schwarz-Weiss.

Ist dir aufgefallen, wie entspannt du auch die unangenehmsten Gefühle analysieren und sezieren kannst? Mit klinischer Sterilität heranzugehen, gibt dir die Illusion von Sicherheit. Analyse und Einlassen sind nicht das Gleiche. Genauso wenig bringt es, sich mit der Frage nach dem Warum zu quälen. Selbst wenn du weisst, warum jemand so und nicht anders gehandelt hat, schmälert das nicht dein Leid. 

Die Lösung liegt im Gefühl. Immer.

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